Adolf Schmid «D.» und der Mythos der Delphine -
Maximilian D. Berlitz = David Berlizheimer

Mythen dienen zur Erhellung der «Welträtsel», bie­ten ein nicht weiter erklärbares «Urwissen» und «Erklärungen» nicht mehr verständlicher Erschei­nungen und Namen. Mythen bilden sich auch heute noch — im großen Stil, im kleinen menschlichen Bereich. Zur Deutung, zur Umdeutung, zur Beschö­nigung, zur Verdunkelung, Verschleierung — zu neuer Sinngebung, neuer Botschaft —, auch zur Fäl­schung, mit Dichtung und Wahrheit als einer undurchschaubaren Mischung, auch zur Selbsttäu­schung. Jeder bekommt (s)einen Namen mit, mit mehr oder weniger Gewicht, oft ist er austauschbar. Als am 14. April 1852 in Mühringen bei Horb ein kleiner Junge den Namen David bekam, war dies eine Namensgebung in sehr bewusster Tradition. David, ein Vorname hebräischen Ursprungs, «der Geliebte, der Liebling», verklärt mit Erinnerungen an viele sagen- und legendenhafte Erzählungen rund um eine sehr facettenreiche Persönlichkeit.
Als eben dieser junge Mann, 18-jährig, nach USA auswanderte, gab er sich selbst — zu seiner neuen Geschichte — (s)einen neuen Namen: Delphinius(!). Ein Namenswechsel, der ein Programm verkündete, sehr reflektiert, sehr suggestiv, fast magisch. Delphi­nius (-os), Beinamen des Gottes Apoll, des Gottes der Künste und Wissenschaften. Ein Kunstname aus der Vorstellungswelt der klassischen Antike. Delphin, der «Lieblings-Fisch» der Griechen mit seiner sprichwörtlichen Schnelligkeit und Geschicklichkeit, gelehrig, gesellig, zutraulich. Delphinius, ein Namenszauber, der charismatische Geistesgaben andeutete, eindeutige Assoziationen weckte. Vor-weg aber nannte er sich Maximilian, ein kochgeschätzter Sippennamen, ausgesucht in gut humanistischer Tradition, solide Geschichte und Autorität verkündend, sehr authentisch: Maximilian Delphi­nius, oder doch immerhin Maximilian D.

Wo wurde der Gründer der «Berlitz-Schulen» geboren? In den LISA um 1880 den Durchbruch geschafft

Wer im Brockhaus, bei Meyer's usw. nachschlägt, findet unter «Berlitz» die Information, diese Schule sei gegründet worden von Maximilian D. Berlitz (1852—1921), einem Deutsch-Amerikaner. In der sehr aufwendig gestalteten Chronik von Berlitz Internatio­nal/Princeton zum 120-jährigen Jubiläum wird der Fremdsprachenpionier Maximilian Delphinius Berlitz als Gründer genannt, als Kürzel meist «MDB»

 

  


Maximilian D. Berlitz, der erfolgreiche Gründer weltweit verbreiteter Sprachschulen, die mit seinem Namen verbunden sind.


Aber es wird auch offen bekannt, dass die Frühzeit der Berlitz-Biografie noch weitgehend im Dunkeln liege. MDB hat wohl selbst nichts an Autobiografi­schem bzgl. Kindheit und Jugend und Herkunft hin­terlassen. Dieser «Gedächtnisschwund» ist bemer­kenswert; vielleicht gar gewollt?
Auf dem Totenschein, der am 6. April 1921 in der Bronx/New York ausgestellt wurde, ist auch ein Geburtsdatum vermerkt: 14. April 1852. Oder 1847? In der Berlitz-Festschrift wird prompt 1847 als Geburtsjahr festgehalten — wohl fälschlicherweise, wie wir sehen werden. Als «Geburtsgegend» ver­muten die Amerikaner Deutschland, vermutlich Württemberg, den Schwarzwald. Immerhin soll es auch überliefert worden sein — aber Belege hat die «Berlitz-Organisation» dafür nicht —, MDB sei in sei­ner Jugend viel in Europa herumgekommen, habe dabei mehr als zwölf Sprachen gelernt: Deutsch natürlich und Französisch, Italienisch, Spanisch Latein und Griechisch habe er in der Schule studiert, aber auch skandinavische und slawische Sprach­kenntnisse habe er schon in die USA mitgebracht. Die Legende lebt eindrucksvoll.
1870 hat MDB Europa verlassen, dies scheint gesi­chert; 1870 ist MDB in die USA eingewandert — wie viele andere. Im Jahrzehnt bis 1870 immigrierten nicht weniger als 2 344 824 Menschen, darunter 787468 Deutsche, wie in der Encyclopedia Americana (1977) nachzulesen ist. Also wohl auch Maximilian D. Berlitz. 1872 ließ sich MDB in Westerly/Rhode Island nieder, heiratete dort Lillie Bertha Ehlert, die 1854 in Massachusetts als Tochter deutscher Eltern geboren war. Sicher ist auch, dass das Ehepaar Berlitz zwei Töchter bekam: 1874 Bertha, 1882 Millicent, meist «Milly» genannt.
Wie MDB sich wirtschaftlich durchschlug in sei­nen ersten US-Jahren, kann man nur vermuten. Er hat sich wohl in vielen Jobs versucht, dürfte auch kaum wählerisch gewesen sein, gab vermutlich bald Privatstunden in Latein und Griechisch. Was später so an ihm gerühmt wurde und seinen sensationellen Durchbruch teilweise erklärt, half ihm wahrschein­lich schon beim Start in der Neuen Welt: Seine seltene sprachliche Begabung, sein scharfer Intellekt, seine charmanten Umgangsformen, seine zupackende Art, sein Unternehmergeist, der ganz einfach und schlicht erfolgsorientiert war, auch das Risiko liebte, Experiment und Wagnis. Westerly war sehr geschäftig, aber eben doch recht kleinstädtisch. MDB zog bald in die Hauptstadt von Rhode Island, nach Providence. Auch dort sind uns wichtige Fakten bekannt, aber manches bleibt weiterhin anekdotenhaft, z. B. MDB habe bei einem Uhrmacher von einem alten Uhrwerk gehört, das angeblich nicht mehr zu reparieren war. MDB beobachtete, spitzte die Ohren, belauschte das stotternde Laufwerk — und brachte die Uhr wieder zum Gehen! Der Meister engagierte diesen talentierten jungen Mann sofort für sein Geschäft. MDB wusste nun immerhin, wie er sich und seine Familie ernähren konnte. Und Zeit blieb ihm auch noch übrig für seine wahre Liebe, die Sprachen. 1875 durfte MDB schon an der lokalen High School unterrichten, Latein und Griechisch wollten vor allem Theologiestudenten lernen. Bald war MDB auch als Lehrer tätig am Warner's Polytechnic Business College in Providence.
1877 erschien ein Buch: The logic of Language. An Introduction into the Science of Language. By W. Warner, principal, and M. D. Berlitz, instructor. Ancient and Modern Languages, for the Students of Warner's Polytechnic College. Dies war eine wichtige Etappe, schon die Vorstufe zum endgültigen Durchbruch. Am 1. Juli 1878 brachte das Providence Daily Journal eine Notiz, dass MDB nun unter seinem Namen Prof. Berlitz, a native German and former resideut of France, of lote a teacher of Englisch brauches in this country — eine eigene Sprachenschule eröffnet habe. MDB bot Drei­monatskurse an mit täglichem Unterricht in Franzö­sisch, Deutsch und Latein — für 10 Dollar und rapid progress guarauteed. Diese erste «Berlitz-Schule» der Welt hatte 1878 bereits 226 Schüler.

 

 

Berlitz — eine Erfolgsgeschichte
MDB unterrichtete Kaiser Wilhelm II. in Englisch

M. D. Berlitz hatte nun also 1878 seine eigene Schule, und er hatte einen mächtigen Zulauf, sah sich bestätigt mit seinem neuen Unterrichtsprogramm. Die Schule, in der bisher überwiegend Buchhaltung, Stenografie, Kontoführung u. a. unterrichtet worden war, wurde ganz neu strukturiert: Sprachen! «Berlitz» muss sehr rasch zum Synonym geworden sein für Fremdsprachenschule, aber eben nach völlig neuen Methoden: Keine Grammatik, keine überset­zungen, nein — die zweite Sprache, also die erste Fremdsprache, sollte erlernt werden wie die Mutter­sprache, also auch durch Imitation, durch Nachspre­chen, durch Konversation, durch «direkte Methode»

  

Auch hierzu wieder die Mystifikation durch eine kennzeichnende Anekdote: Es sollen vor allem die Erfahrungen eines jungen französischen Lehrers, Nicolas Joly, gewesen sein; er unterrichtete in MDB's Schule, ohne selbst minimale Englisch-Kenntnisse zu haben. Sein Glück hatte er in Amerika zunächst als Hotelliftboy versucht, dabei reichte es, die Zahlen von eins bis zehn zu beherrschen und die Worte «up» und «down». Bei Berlitz aber versuchte Joly, seine Muttersprache — Französisch — zu vermitteln, und er tat es allein durch Sprechen, durch Mimik, Gestik, durch variable Stimmgewalt, mit natürlichem schauspielerischem Talent und intelligenter Gebärdensprache. Sein Erfolg bestätigte MDB's didaktische Ideen, die «Berlitz-Methode» wurde schnell zum Mythos. Und ein Prinzip setzte sich durch: Bei MDB durften die Lehrer nur ihre eigene Muttersprache unterrichten, es gibt darunter berühmte Namen: Lew D. Trotzky unterrichtete z. B. die Sprache seiner Heimat Russland, und James Joyce verdiente sich seine Aufenthalte in Triest, Paris und Zürich als Englisch-Dozent bei Berlitz. Ein Prin­zip aber sollte über allem gelten, MDB formulierte es im geliebten Latein: Loqui loquendo discitur — nur durch Sprechen lernt man sprechen!
Der Zulauf wurde immer größer, MDB musste seinem Erfolg Rechnung tragen und wechselte in eine noch größere Stadt, nach Boston, in die Haupt­stadt Massachusetts, gründete immer neue Schulen. MDB hatte schließlich sein Zentrum in New York. Er erwies sich nicht nur als kompetenter Fachmann in Fragen der Sprachdidaktik, er spielte auch brillant die Rolle des Propagandisten, verzichtete auch nicht auf Elemente des Showgeschäfts. 1888 machte er eine Reise nach Europa, natürlich um auch dort seine Schulen zu gründen: in Berlin, Paris, London und vielerorts. 1890 reiste er schon wieder nach Berlin, gab Kaiser Wilhelm II. privat Englisch-Kurse; das Ergebnis wurde nicht publik gemacht, nicht benotet, aber der Werbeeffekt war gewaltig. Professor Berlitz wurde in ganz Europa mit Auszeichnungen über-häuft. MDB vermittelte auch dem Zaren Nikolaus II. die schlichten sprachlichen Kenntnisse, die jener für das Geschäft mit Henry Ford für nötig und nützlich hielt. MDB schwamm auf einer Erfolgswelle, wurde nun auch vom spanischen König und vom Sultan von Marokko geehrt und dekoriert.
MDB's Tochter Bertha heiratete Victor Harrison, der artig auch den Familiennamen seiner Frau annahm: Victor Harrison-Berlitz sollte bald Manager des unaufhaltsam wachsenden Sprachenunterneh­mens werden. So konnte sich MDB noch mehr um Werbung und Expansion kümmern. Sein Besuch bei der Pariser Weltausstellung 1900 wurde zu einem
persönlichen Triumpf, MDB erhielt die höchsten Auszeichnungen. Inzwischen zählte er bereits über hundert Schulen mit mehr als 30000 Schülern. Auch in Europa hatte er so viel Erfolg, dass der Verwal­tungssitz 1907 nach Paris verlegt wurde. Der Fir­menname wurde entsprechend geändert: Societe Internationale des Ecoles Berlitz (SIEB), erster Präsi­dent wurde ein Franzose, Pierre Baudin. Als Baudin 1913 Justizminister Frankreichs wurde, übernahm MDB selbst das Präsidium. Trotz der administrati­ven Belastung blieb er sein Leben lang Schüler; er beherrschte immerhin 45 Sprachen!
MDB starb 1921 in der Bronx, in seiner Privat­wohnung, 69 Jahre alt, an Arteriosklerose, an Herz-schwäche. In seinem Grab auf dem Woodlawn-Friedhof, wo u. a. auch F. W. Woolworth und Joseph Pulitzer beerdigt sind, wurde vier Jahre später auch MDB's Frau beigesetzt. Es ist kaum überspitzt zu sagen: 1921 ging eine typisch amerikanische Kar­riere, eine Erfolgsgeschichte zu Ende. Viele Details dieser Vita sind dokumentiert in 120 Years of Excel­lence, 120th anniversary Berlitz: 1878–1998. Seit dem Jahr der Einwanderung in die USA – 1870 – ist das Leben und Wirken von Maximilian Delphinius Berlitz gut belegt, nachvollziehbar in vielen Einzelhei­ten. Aber was war vor 1870?

Eine amerikanische Historikerin sucht Vorfahren und bestätigt die Spur, die nach Mühringen führt

1999 erschien im Stuttgarter Theiss-Verlag ein wichtiges Buch von Emily C. Rose, aus dem Amerikanischen übersetzt und ediert unter dem Titel Als Moises Kaz seine Stadt vor Napoleon rettete und dem bedeutsamen Untertitel: Meiner jüdischen Geschichte auf der Spur. Hier gleich zur Klarstellung: Emily C. Rose erforschte u. a. die Geschichte der Berlizheimer aus Mühringen; auch der uns hier zentral interessierende David Ber­lizheimer wurde dabei entdeckt und auch einmal genannt (S. 348). ... ohne Geld und ohne Perspektiven wanderte ihr (1) anderer Sohn David (2) vier Jahre später (3) mit 18 Jahren nach Amerika aus. Ad 1) Die Mutter heißt Caroline, geb. Heilbronner, Witwe von Löw/ Leopold Berlizheimer; ad 2) David, geb. am 14. April 1852 in Mühringen (vgl. die Daten im Hauptstaatsar­chiv Stuttgart); ad 3) «vier Jahre später«: 1870.
Am 24. Dezember 1999 brachte die Badische Zeitung in Freiburg eine Rezension von Renate Liessem-Breinlinger. Sie führte mich zum Kauf und zur Lektüre dieses ungewöhnlichen Buches und letztlich zu meiner überraschenden Einsicht bzw. Schlussfolgerung, die ich Anfang 2000 auch Emily C. Rose mitteilte. Sie verfolgte nun ihrerseits die fragliche Berlitz-Spur in den USA und bestätigte meine Ent‑
deckung. Doch hier zunächst die Recherchen und die Darstellung von Emily C. Rose zur Vorgeschichte ihres Unternehmens. 1992 waren der Amerikanerin handgeschriebene Seiten aus einem jüdischen Fami­lienregister übergeben worden; sie verstand dies als Verpflichtung zu forschen. Sie reiste nach Deutsch­immer noch als des Vertrauens unwürdige Person und Mensch zweiter Klasse behandelt. Am Rande der Gesell­schaft blieb so eine isolierte religiöse Gemeinschaft, die auch durch zunehmende Liberalität staatlicher Gesetze und verfassungsgemäße Gleichstellung keine Akzeptanz fand. Freilich: Vorboten von Pogromen und «Endlösungen» sah niemand.

 

 

Moises Kaz aus Mühringen
macht zur Zeit Napoleons in Rottweil sein Glück

Nein, die Zeichen standen z. B. für Moises Kaz (1750—1829) eigentlich sogar sehr gut. Sein Vater hatte in Mühringen noch gerade mal 15 Gulden bezahlt — dies war der geringste Betrag der lokalen Steuerliste. Der Hausierhandel war doch nicht sehr einträglich. Aber durch harte Arbeit und die Pflege eines effizienten Netzes konnte sich Moises selbst vom Klein­händler zum Kaufmann entwickeln, resümiert E. C. Rose. Der Aufstieg vom Trödel- und Hausierhandel zum Verkauf in Ladengeschäften war gewichtig, der «traditionelle Erwerbssinn» bekam so neue Würde, neue Klasse. In Mühringen blieb freilich zunächst noch das Herzstück des wachsenden Kaz-Unterneh­mens. Doch es muss um 1780 gewesen sein, als Moises seinen Handelsbereich auf Rottweil ausdehnte, so Roseland, studierte, fragte, suchte, untersuchte und hinterfragte – und konnte so schließlich feststellen: Ich gehöre zu den Juden, die ihre Wurzeln in den ländlichen deutschen Gebieten haben. Bevor ich zu dieser Reise aufbrach, kannte ich meine Vorfahren nicht. Vor allem wusste Emily C. Rose nach dieser Studienreise nun auch vieles vom Leben der beiden Vorfahren, die sie schon als Kind auf den Ölgemälden im Wohnzimmer der Großeltern gesehen hatte, aber niemand hatte mir ihre Geschichte erzählt. Sie konnte nun nach vielen ernsthaften Recherchen klären: Als Julius Berlizheimer 1941 aus Mühringen floh, nahm er die Porträts seiner Urgroßeltern mit. Er gab diese Porträts–als Symbol seinerFamiliengeschichte – meinem Großvater. Emily C. Rose musste auch hinzufügen: Einige Berlizheimer (...) hatten nicht so viel Glück. Sie kamen im Holocaust um.
Emily C. Rose, 1946 in Scarsdale/New York gebo­ren, weist sich mit ihrem Buch bestens aus als Histo­rikerin. Sie zeichnet kenntnisreich und fesselnd, ganz und gar nicht schulmeisterlich ein Geschichtsbild sehr einfacher Menschen in ihrem Alltagsleben, von Juden, die – nachdem ihre Vorfahren im späten Mittelalter aus den Städten vertrieben waren – in den Dörfern und Kleinstädten im ländlichen Württemberg ihr bescheidenes Leben einrichteten. Aus der Geschichte ihrer eigenen Familie macht sie eine sprudelnde Quelle zur lokalen und regionalen Geschichte der Juden, die viel Verständnis vermittelt und übertragbar ist auf die Beziehungen bzw. Nicht-Beziehungen zwischen Christen und Israeliten, über den tatsächlich unternommenen und letztlich doch nicht geglückten Versuch einer «Symbiose», einer «Assimilierung». Sie belegt und belebt ihre Famili­engeschichte, die freilich auf diesem Weg sehr viel Allgemeingültigkeit bekommt, mit einer Fülle von Details aus Gemeinderatsprotokollen, Steuerlisten, Eheverträgen, Testamenten, aus Gerichtsnotizen, Familienregistern, Verträgen für Rabbiner (= Vorsän­ger und Lehrer), mit Hinweisen auf württembergi­sche Gesetze zur Rechtsgeschichte der Juden, mit Auswanderungslisten. Und Emily C. Rose kennt offensichtlich bestens die «Dorfgeschichten» von Berthold Auerbach.
Immer wieder und fast überall notiert die Forsche-rin die judenfeindliche Gesinnung — trotz aller offiziell verkündeten «Emanzipation» und der prinzipiellen Gleichberechtigung und staatsbürgerlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung, die sich entwickelt. So kommt sie für 1870 zu einem Fazit: Der Jude wurdeimmer noch als des Vertrauens unwürdige Person und Mensch zweiter Klasse behandelt. Am Rande der Gesell­schaft blieb so eine isolierte religiöse Gemeinschaft, die auch durch zunehmende Liberalität staatlicher Gesetze und verfassungsgemäße Gleichstellung keine Akzeptanz fand. Freilich: Vorboten von Pogromen und «Endlösungen» sah niemand

Auf Rottweil, in die Reichsstadt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Noch im 13. Jahrhundert, als Rottweil etwa 3000 Einwohner zählte, lebten dort auch 200 Juden, in der «Juden­gasse»: seit langem aber gab es keine Juden mehr in der Reichsstadt. Moises Kaz aus Mühringen deutete die Zeichen der Zeit so, dass ein Neubeginn möglich schien. Er war sehr geschäftig, kam auf seinen Reisen durch ganz Süddeutschland, steigerte Angebot und Umsatz: flüssiges Kapital mehrte sich, die Rottweiler sahen es mit Interesse. Und im April 1799 steckte Rottweil in der Krise, die Rose so skizziert: Napoleons Armee marschierte in die Stadt ein und ver­langte nicht wie üblich von der Stadt Getreide und Waren, sondern Bargeld. Guter Rat war teuer. Die Stadt Rottweil hatte große Schätze und Wertsachen in ihren Kirchen und Klöstern, Silber- und Gold-waren, aber eben kein Bargeld. Emily Rose berichtet nun, wie der Stadtrat mit Moises Kaz handelseinig wurde, wie er Gulden gab gegen «Edelmetall» von großem ideellen Wert. Er war ein sehr aufrichtiger Geschäftspartner — und so rettete Moises Kaz Rottweil durch rasches Handeln und durch die Übernahme des Risikos, dass er vielleicht nicht in der Lage wäre, in diesen schwierigen und heiklen Kriegstagen das gesamte Gold und Silber zu veräußern. Die Stadt hat seine Bemühungen niemals vergessen.

 Die Familie Kaz interessiert uns weiterhin. Frei­lich: Die Geschichte von Moises Kaz verlief anders als die­jenige der meisten Juden aus Mühringen. Mit 53 Jahren beschloss er, Mühringen endgültig zu verlassen und sich eine Zukunft in einer ganz anderen Umgebung au einem Ort mit beträchtlichen wirtschaftlichen Möglichkeiten aufzubauen — in Rottweil nämlich; die Reichsstadt war inzwischen württembergisch geworden. 1803 gewährte Herzog Friedrich dem Moises Kaz einen besonderen Schutzstatus, für ein jährliches «Schutz­geld» von 40 Gulden. Moises wohnte mit Frau Sara, zwei Söhnen und zwei Töchtern in Rottweil, kaufte ein stattliches Haus, verkaufte es bald wieder, um ein noch prächtigeres zu kaufen.
Per Dekret kam eine weitere Überraschung: Moises Kaz durfte auch Land erwerben, unerhört seit Jahrhunderten für Juden! Und Moises Kaz wurde geschäftlich immer erfolgreicher, zog weitere Juden nach Rottweil. Erstmals seit dem Mittelalter gab es wieder eine jüdische Gemeinde in der Stadt am oberen Neckar und eine Synagoge in der dritten Etage des Hauses Kaz. Emily C. Rose durfte feststellen: 1815 schien die Zukunft in Rottweil und Mühringen sonnig und sicher zu sein, die Stadt hatte bei 3614 Einwohnern auch wieder 15 jüdische Mitbürger. Aber sechs Jahre später erklärte das Gericht in Rottweil Moises Kaz für bankrott. Er hatte es freilich rechtzeitig verstanden, seinen Besitz weitgehend zu sichern, zwei seiner Kinder konnten in Rottweil in eigenen Häusern verbleiben.

Joseph David Berlizheimer in Mühringen ist ein Schwiegersohn von Moises Kaz

Auch in Mühringen hatte Kaz Besitz, ein Haus bekam dort seine Tochter Gustel bzw. ihr Mann: Joseph David Berlizheimer (1761—1855). Der Schwiegersohn gehörte zueiner der wohlhabenden Familien von Mührin­gen, handelte mit Woll- und Baumwollstoffen, hatte eine eigene Weberei, war auf vielen Märkten Süd­deutschlands präsent, betrieb in seinen Ateliers auch eine Streichholzfabrik. Mühringen blühte insgesamt auf, gehörte bald zu den größten jüdischen Gemein-den des Königreichs Württemberg. 1807 hatte der Ort 734 Einwohner, davon waren 342 Juden, die sich 1810 eine neue Synagoge bauten, die im Innenraum für 500 Männer Platz bot und weitere 200 Plätze für die Frauen auf der Empore hatte. Dies signalisierte klare Perspektiven, die Einwohnerzahl stieg, der wirt­schaftliche Aufstieg war deutlich zu spüren. Es schien doch eine Zukunft zu geben, auf die man seit Jahrhunderten gehofft hatte.

 

Schreiben der König­lich Israelitischen Ober-Kirchen--Behördein Stuttgart an das Königliche Oberamt Mergent­heim. Die Mutter Karoline Berlizhei­mer aus Markels­heim hat ihren Sohn David beim Uhr­macher Steinleitner in Mergentheim in die Lehre gebracht und um die Über­nahme des Lehrgelds durch die israeliti­sche Kirchenkasse gebeten.


3. Oktober 1866.


Joseph David und Gustel Berlizheimer hatten vier Kinder: David (alle seine neun Kinder wanderten aus in die USA), Marx (er heiratete Rosa Auerbacher, eine Cousine von Berthold Auerbach), Hanna und Löw (1799—1865). Der Mühringer Rabbi fühlte sich u. a. auch besonders für eine gezielte Talentförde­rung zuständig, wollte Schüler zu höheren Studien führen. Der junge Löw Berlizheimer schien tatsäch­lich geeignet zu sein. Er hatte zunächst auch im Tuch­handel gearbeitet, mit Altkleidern gehandelt; aber mit 30 Jahren begann er am Esslinger Lehrerseminar seine Ausbildung, um Lehrer zu werden. Rose schreibt dazu: Ab dieser Zeit verwandte er den Namen Leopold und buchstabierte seinen Familiennamen häufig als Berlitzheimer. 1835 bestand er sein Examen,wurde
Dorfschulmeister, war in keiner besonders beneidenswerten Situation — wie fast alle seine Kollegen. Immerhin scheint er doch Besitz erworben zu haben, der testamentarisch vermacht werden konnte, als Leopold Berlizheimer 1865 in Markelsheim starb. Viel war es nicht, die Witwe musste eine Rente bean­tragen, die ihr aber verweigert wurde. Der erste Sohn Isac studierte nach 1864, wie der Vater, an der Esslinger Lehrerbildungsanstalt, legte aber dort schon 1865 einen Auswanderungsantrag vor, kam auch bereits am 28. Dezember 1865 in die USA. 1866 bat die Witwe wieder um finanzielle Unterstützung, erhielt sie nun auch in bescheidenem Umfang. Wie-der Emily C. Rose (S. 348): Ohne Geld und ohne Per‑
spektiven wanderte ihr anderer Sohn David vier Jahre spä­ter (1870) mit 18 Jahren nach Amerika aus. Er war wohl
ohne Hoffnung, dass auf ihn in seiner Heimat eine soziale und wirtschaftliche Karriere wartete.

 

David Berlizheimer, geboren 1852 im Mühringen — Identisch mit Maximilian D. Berlitz


Um diesen David Berlizheimer, geboren am 14. April 1852 in Mühringen bei Horb, geht es nun. Seine Eltern sind — dazu liegen alle Urkunden vor — Löw/Leopold Berlizheimer und Caroline Heilbron­ner, die 1841 geheiratet haben. David hat den älteren Bruder Isac, geboren am 2. Oktober 1847, und eine Schwester Hanna, geboren am 28. März 1849. Der kleine David ist also der Urenkel von Moises Kaz Uber Davids Kindheit, seine Jugend lesen wir bei Emily C. Rose nichts. Aber voller Information ist, was sie ganz allgemein geschrieben hat über jüdische Kinder, junge jüdische Männer und ihre Per­spektiven, ihr Verhältnis zu jüdischer Kultur und Tradition. Ganz auffällig ist dabei, dass viele aus-wanderten, vor allem in die USA, wo ja nach dem Ende des Bürgerkriegs eine Phase der technischen Innovation und des raschen Wirtschaftswachstums einsetzte — eine Chance für intelligente, leistungsbereite junge Menschen. Bisweilen hatten diese Emigranten eine Lehre gemacht, aber meistens nicht in ihrem Geburtsort, sie waren «fahrende Gesellen», getrennt von ihren Familien mit ihren festen, durch die Religion fixierten Traditionen und Ritualen. Zumindest waren sie in der Befolgung der rituellen Vorschriften weniger streng, so dass es zum fast unver­meidlichen Bruch mit den Traditionen kommen musste. Oder anders gesagt: Mit jeder Generation nahm die «Fremdheit», die «Andersartigkeit» ab: die «Assimi­lisationsbilanz» war beachtlich: wirtschaftlich, sozial, bildungsmäßig.
Der totale Bruch war freilich die Auswanderung. Nicht alle gingen den legalen Weg über Antrag und Bewilligung, das Heimatland verlassen zu dürfen. Der eine oder andere hatte vielleicht auch seinen Grund, die offiziellen Papiere nicht auszufüllen. Zwei Prozent aller deutschen Auswanderer jener Jahre waren Juden, ihr eigentlicher Anteil an der deutschen Bevölkerung war freilich weniger als 0,5 %, ein auffälliges Indiz. Wirtschaftliche Not bzw. Hoffnung auf Arbeit verbunden mit Erfolg und Aufstieg dürfte das dominierende Motiv gewesen sein.
Namensänderungen zum Start in die Neue Welt kamen oft vor, auch Emily Rose gibt in ihrem Buch etliche Beispiele: So wird Lazarus in Louis geändert, Karoline in Carry, Baruch in Bertold usw., damit es amerikanischer klang. Mit einer besonderen Welle der Sympathie durften wohl die jüdischen Ankömmlinge in Amerika nicht rechnen, denn eine Brille der Klischees, Vorurteile, Andersartigkeit, alles war aus Europa importiert worden. So lässt es sich verstehen, dass der 18-jährige David Berlizheimer seine würt­tembergische Heimat verließ und «unterwegs» seinen Namen änderte, gar nicht gravierend, aber ganz pfiffig: Maximilian D. Berlitz. Der junge Einwande­rer von 1870 betrat Neuland, startete ein zweites Leben.
Wir glauben, feststellen zu können: David Berliz­heimer, geboren am 14. April 1852 in Mühringen, ist identisch mit Maximilian D(elphinius) Berlitz, der in der Dokumentation von Berlitz International als Gründer des weltweit tätigen Unternehmens prä­sentiert wird — mit dem Geburtsdatum 14. April 1852
— und: he came from Württemberg area. Wie MDB kon­sequent zum Erfolg kam, wurde eingangs beschrie­ben. Maximilian D. Berlitz starb im sicheren Bewusstsein, dass die Entwicklung seiner Schule und seiner Fremdsprachenmethode sich weiterhin positiv gestalten würde. Es ist nicht bekannt, dass er schon selbst seine Methode begründet habe mit den Argumenten des Augustinus: seine Schüler und Nachfolger zitierten gerne aus den Confessiones 1.8, wo der Kirchenlehrer so trefflich beschrieb, wie er selbst als Kind sprechen lernte, indem er nämlich die «maiores homines», die Eltern, die Älteren beobach­tete, wie sie eine Sache benannten und wenn sie diesem Wort gemäß ihren Körper auf etwas hin bewegten; er ent­wickelte sein Verständnis nach der Bewegung ihres Körpers, die gewissermaßen die natürliche Sprache aller Völker ist, die Realität wird durch Mimik und das Spiel der Augen, durch die Bewegung der übrigen Glieder, durch den Klang der Stimme.
In unserer globalen Weltwirtschaft, in der die «amerikanische Kultur» allgegenwärtig ist, wurde die «Lingua Franca» immer mehr verdrängt/ersetzt durch Englisch/Amerikanisch — und mit der Sprache wurde meist auch die amerikanische Denkweise und Lebensart übernommen. «Berlitz» arbeitet in diesem System erfolgreich, weil ganz marktgerecht, berücksichtigt Interessen aus beruflichen Gründen, Geschäftsleute, Touristen und Vergnügungsrei­sende, die auch mit anspruchsloser Sprachkompetenz zufrieden sind, aber auch Menschen, die sich auf verfeinerte, urteilsfähigere kulturelle Kommuni­kation, auf feste soziale Kontakte bei ihren Reisen vorbereiten — oder die aus reinen Bildungsgründen fremde Sprachen lernen wollen. «Berlitz» aktualisiert sich sehr eindrucksvoll, liefert modernste Multimedia-Informationen, ist Marktführer in globaler Kommunikation. Auf der Referenzliste werden Staatspräsidenten und Mitglieder königlicher Fami­lien als Schüler/Studenten genannt, Schauspieler, Unternehmer, Sportler. Der kleine David aus Mühringen/Württemberg hat einer einfachen Idee zum großen Erfolg verholfen