Mikwe

 

Das jüdische Ritualbad  „Mikwe“

Rituelle Reinheit und Unreinheit sind entscheidende Begriffe im Judentum.
Unrein meint = nicht tauglich, nicht klar, nicht unversehrt.
Das sind im jüdischen Gesetz vor allem jene Menschen, die mit einem Toten in Berührung kamen – siehe Num 19: „Wer irgendeinen toten Menschen berührt, ist sieben Tage lang unrein. Am dritten Tag entsündigt er sich mit dem Reinigungswasser und am siebten Tage wird er rein“.
Auch der Verlust  körpereigener Substanzen macht unrein, wie der Samenerguß bei Männern - siehe Lev 15: „Hat ein Mann Samenerguß, soll er seinen Körper in Wasser baden und ist unrein bis zum Abend. Schläft er mit einer Frau, müssen sich beide im Wasser baden und sind unrein bis zum Abend“.
Vor allem Frauen - nach der Monatsblutung - war der Besuch in der Mikwe vorgeschrieben.
Denn die  Frau ist während ihrer Menstruation aus ritueller Sicht unrein.
Dies bedeutet: sie muß von ihrem Mann Abstand halten und darf nicht in körperlichen Kontakt mit ihm kommen.
Für orthodoxe Juden gibt es Betten mit speziellen Vorrichtungen, so dass das Ehebett während dieser  Zeit auseinander gezogen werden kann und sichergestellt ist, daß keine Berührung geschieht.
Erst nachdem ihre Unreinheit beendet ist, d.h. nach dem Abzählen von "sieben reinen Tagen" und der Reinigung in der Mikwe, darf sie wieder Verkehr haben.
Auch zur Heilung von bestimmten Krankheiten ging man in die Mikwe.
Das Tauchbad selbst hat seine Ursprünge in der Zeit der Propheten und der Sinn besteht darin, den Menschen beziehungsweise einen Gegenstand im kultischen Sinne zu reinigen, ihn von der (ebenfalls kultischen) Unreinheit zu befreien.
Männern wird das Tauchbad auch vor dem Sabbat oder dem Versöhnungstag Jom Kippur empfohlen.
Das erste mal in die Mikwe müssen Frauen am Vorabend vor der Hochzeit und danach
nach jeder Menstruation und Geburt.
Ebenfalls ein rituelles Bad nehmen müssen zum Judentum bekehrte Menschen.

Um wieder rein zu werden, gab es also eigens ein Wasserbecken = die Mikwe
(Sammlung des Wassers).
Innerhalb der jüdischen Gemeinden wurde die Mikwe durchweg als „Tauchbad“ bezeichnet, in der amtsdeutschen Schriftsprache stößt man dagegen auf unterschiedliche Begriffe wie „Judenborn“ - „ Judenbrunnen“ - „Judenbad“ - „Kellerquellenbad“ - „Ritualbad“; ab Mitte des 19. Jahrhunderts fast nur noch auf „Frauenbad“.

Die Frau, die die Mikwe benutzen will, wäscht zunächst ihre Haare.
Sie entkleidet sich völlig.
Dann nimmt sie ein Wannenbad.
Um die rituelle Reinigung durchführen zu können, ist es erforderlich, dass nichts Körper-fremdes mehr vorhanden ist.
 Nichts darf den Kontakt des Wassers mit dem Körper verhindern, so ist das Tragen von Schmuck, Lippenstift, Nagellack oder ähnlichem während des Bades nicht erlaubt.
Auch muss darauf geachtet werden, dass der gesamte Körper samt den Haaren untergetaucht wird.


In Kap. 24 „Jüdisches Ceremoniell“ der Stadt Rotenburg lesen wir: „Die Weiber müssen sich alle vier Wochen reinigen und baden, und in solcher Monatszeit müssen sie 7 Tage unrein seyn, in welchen sie mit dem Manne weder aus einem Gefäß trinken, noch aus einer Schüssel essen, noch weniger während den unreinen Tagen ehlich beywohnen darfen. Nach Ver-fließung der 7 unreinen Tage zehlen sie wieder 7 reine Tage, in welcher Zeit sie beyde zwar aus einem Gefässe essen und trinken, aber einander nicht ehlich beywohnen. Nach Ver-fließung 14 Tagen muß sie sich waschen und baden“.


Wenn Menschen unrein wurden, erforderte dies die Trennung von der Gemeinschaft und die entsprechenden Reinigungsrituale, um den ursprünglichen Zustand wieder zurückzuerhalten.
Die gesetzlichen Bestimmungen sind im Talmud zusammengefasst und betreffen gerade auch die Beschaffenheit des Wassers.
„Lebendig“ heißt: Es muss frisch, fließend und kühl sein; nur Wasser natürlichen Ursprungs kann für diesen Zweck genutzt werden.
Es darf weder herangetragen, noch anderweitig zur Mikwe transportiert bzw. mit einem
Geschöpf in das Tauchbecken gegossen werden.
Aus diesem Grund kommt nur Quell-, Grund- oder gesammeltes Regenwasser in Frage. Ebenso besteht die Möglichkeit das Tauchbad in einem See, Fluss oder Meer durchzuführen. Das Bad muss mit mindestens 40 Sea gefüllt sein -  die heutigen Angaben schwanken zwischen 500 und 1000 Litern.

Stets aber gilt: Es geht nicht um hygienische, sondern kultisch-spirituelle Reinheit;
die Mikwe darf daher nicht als Ort der körperlichen Reinigung verstanden werden.
Die prägnanteste Zweckbestimmung findet sich beim Propheten Ezechiel, wo es in
36,25 heißt: „Und ich will reines Wasser über euch sprengen, daß ihr rein werdet“.
Es ist anzunehmen, dass in der Mühringer Mikwe eine Warmwasserbereitung für das Tauchbad erfolgte.
Die Heizanlage und entsprechender Standort des Kessels im Erdgeschoß neben dem gemauerten Schornstein weisen darauf hin.

Interessant sind in diesem Zusammenhang ist die Aussagen von Dr. Wenderoth aus Rotenburg, die er 1824 aufschrieb: „Der außerordentliche Nachtheil, welcher durch die Befolgung des Gesetzes in unserm Clima für die Gesundheit des Weibes entsteht, leuchtet ein.
Ich sage nicht zu viel, wenn ich behaupte, daß viele ihre Gesundheit und die meisten wenigstens ihre blühende Gesichtsfarbe dadurch einbüßten. Mancherley Krankheiten besonders langwierige Rheumatismen, Gicht u.s.w. habe ich als Folge dieses Gebrauchs beobachtet.“

Und ein weiterer Blick noch nach Rotenburg, der uns eine Vorstellung von der Tätigkeit der Badefrau und den Badegepflogenheiten vor Augen führt: „Bei der Badeanstalt muß eine Frau angestellt werden, welche das Bad jeden Tag von 10 bis 12 Uhr trocken und rein stehen lässt, das ganze Lokal gehörig reinigt und sich gegen die Badenden gut beträgt. Jede Frau zahle an die Direction zur Berechnung einen Beitrag von ohngefähr 8 gute Groschen. Wenn eine Frau baden will, hat sie es längstens bis 12 Uhr desselben Tages der Wärterin anzuzeigen. Wenn mehrere Frauen an einem Abend baden, so badet diejenige, welche am längsten geheirathet, zuerst und so der Reihe nach. Arme sollen frey baden. Da nach den Gesetzen zwei Frauen beim Baden gegenwärtig seyn müssen, so muß sich die Wärterin eine Gehülfin annehmen,.
Die Wärterin darf bei Gefängnisstrafe eine Frau kalt baden lassen, eine gleiche Strafe wartet ihr, wenn sie auch nur einmal es versäumen sollte, das Bad zur bestimmten Stunde zu reinigen. Unter keinem Vorwande darf eine Frau sich gegen alle guten Sitten und
Schamhaftigkeit im Freyen baden.“

Auch Gegenstände konnten unrein sein und bedurften der rituellen Reinigung.
Wir kennen den Begriff „koscher“.
Wenn man einem Menschen nicht vertraut, redet man davon: „Der ist nicht ganz koscher“.
Oder wer einer Vereinbarung misstraut, sagt aus: „Der Vertrag scheint mir nicht ganz koscher zu sein“.
Auf hebräisch meint das Wort in der Tat „tauglich – sauber – rein“.
Deshalb essen Juden koscher.
Man darf kein Schweinefleisch und keine Schalentiere essen; auch Milch- und Fleisch-produkte sind strikt zu trennen.
Siehe dazu die Aussage in Dtn 14: „Denn ein heilig Volk bist du dem Ewigen, deinem Gott. Du sollst nicht kochen ein Böcklein in der Milch seiner Mutter“.

Geschirre müssen gekaschert werden.
Es reicht nicht, sie im Laden zu kaufen, einmal zu waschen, und dann schon zu verwenden.
Neues Geschirr muß in die Mikwe gebracht werden.
Zum Kaschern dient oft ein zweites, kleineres Becken.
Gerade auch die für das Schächten des Schlachtviehs verwendeten Geräte mussten „religiös rein“ gemacht werden.

Die Mühringer Mikwe, ab 1848 im ehemaligen Gasthaus Hirsch, wurde 1908 aufgegeben, ebenso das Rabbinat.



Die Familien Haigis und Wurster haben den ehemals als Mikwe genutzten Gewölbekeller wieder hergestellt; dies geschah vor allem auch unter großem Engagement von Rüdiger Schmidt.
Wie genau der Urzustand aussah, ist leider nicht mehr zu ermitteln; sicher war er aber ähnlich, wie er jetzt gestaltet ist.

(Quelle: Ewald Wurster)

 

Bild: Aufbewahrungsnische für Wertsachen (im Hintergrund)

 

Bild: Treppenabgang in die Mikwe

 

Bild: Remise (heute Informationsraum für Besucher)

 

Bild: Vorraum zur Remise

 

Bild: Kleines Becken zum Kaschern von Geschirr

 

Bild: Mikwe (Sauerbrunnenquelle)